Kinder und Stress: Wie viel ist zu viel?
Karina dabei zuzusehen, wie sie vorgab, Stress zu erleben und darauf zu reagieren, wie es ein Erwachsener tun könnte, war lustig und süß – aber auch lehrreich. Sie hatte eine konkrete Vorstellung davon, welche Aktivitäten Stress verursachen und wie sie wahrscheinlich auf diesen Stress reagieren würde. Doch in Wirklichkeit können Kinder, wenn sie Stress erleben, oft weder die Ursache ihrer Gefühle genau bestimmen noch eine angemessene Reaktion darauf finden. Ihre sich entwickelnden Gehirne und Körper machen Kinder sehr anfällig für die langfristigen negativen Auswirkungen von starkem Stress.
Das Wort „Stress“ wird heute normalerweise zur Beschreibung negativer Gefühle verwendet, aber als Dr. Hans Selye den Begriff 1936 definierte, nannte er ihn „die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Forderung nach Veränderung“. Aus dieser Sicht ist Stress eine normale, sogar produktive Reaktion auf Reize. Für Kinder ist es von Vorteil, ein geringes Stressniveau zu erleben, damit sie lernen, mit neuen Situationen umzugehen und sich an unvorhersehbare Umstände anzupassen. „Positiver Stress“ ist von kurzer Dauer, verursacht nur geringfügige physiologische Veränderungen und kann sich, wie der Name schon sagt, bei richtiger Handhabung positiv auf die Entwicklung eines Kindes auswirken.
Aber zu viel Stress, bekannt als „toxischer Stress“, ist genau das: toxisch für die körperliche und neurologische Entwicklung von Kindern. Anhaltender Stress – körperliche Misshandlung, Vernachlässigung oder das Erleben häuslicher Gewalt – kann laut CDC Kinder anfälliger für eine ganze Reihe von Problemen machen. Chronischer Stress schwächt das Immunsystem, beeinträchtigt das Gedächtnis und senkt sogar den IQ von Kindern. Dies sind nur die Nebenwirkungen der tiefgreifenden neurologischen Störung, die auftritt, wenn Kinder wiederholt in schädliche Situationen geraten, die sie nicht kontrollieren können.
Eltern sollten keine Angst davor haben, dass ihre Kinder Stress ausgesetzt werden, aber Wachsamkeit ist wichtig, um sicherzustellen, dass nur positiver Stress auftritt. Größere Belastungen wie eine Scheidung oder der Tod eines geliebten Menschen können jedoch überwunden werden, solange das Kind die Unterstützung eines fürsorglichen Erwachsenen hat. Untersuchungen zeigen, dass sogar toxischer Stress durch die starke Anwesenheit und Reaktionsfähigkeit einer erwachsenen Bezugsperson verhindert oder umgekehrt werden kann.
Liebe ist eine mächtige Sache, und ein stabiles Umfeld und unterstützende Erwachsene ermöglichen es einem Kind, zu lernen, auf gesunde Weise mit Stress umzugehen. Es ist kein Problem, dass Ihr Kind ausrastet, wenn es eine Spritze bekommt, oder eine halbe Stunde lang jammert, wenn es lernt, die Nacht alleine durchzuschlafen. Es ist einfach positiver Stress und alles Teil des Entwicklungsprozesses.
Mami nachzuahmen ist auch ein wichtiger Teil des Entwicklungsprozesses – deshalb habe ich nur über Karinas Dramatik gelacht und ihr zum Mittagessen ein großes Glas Traubensaft gegeben.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 26. März 2015 veröffentlicht